Ein neues Zuhause in der Ferne?

Ich bin schon wieder beim Inder! Das dritte Mal in dieser Woche kann ich es einfach nicht lassen, mich quer durch die Speisekarte zu schnabulieren. Wenn ich selber so gut kochen könnte wie die im Restaurant, ich täte jeden Tag Indisch kochen! Bedauerlicherweise kann ich jedoch nicht wirklich gut kochen. Eine Frage stellt sich mir da nur: Warum bin ich eigentlich noch nie nach Indien gereist?

Da frage ich gleich den Chef meines Lieblingsrestaurants, wo es in Indien sich am meisten lohnt, hinzufahren! Er meint, überall in Indien gäbe es schöne Gegenden und wiederum Gebiete, in denen die Armut vorherrsche … . Folglich sei es allein mir selbst überlassen, wo ich denn nun hinwolle. Ich gucke enttäuscht. Dann sieht er mich aufmunternd an und sagt: “Hey, Du bist doch unser Stammgast! Wenn ich Dir erst sage, wo ich herkomme, dann wanderst Du bestimmt dahin aus, und wer isst dann jede Woche bei mir?”. Wir fangen an, zu lachen!

Nach ein paar Minuten haben wir uns wieder beruhigt, und er erzählt mir, er käme aus Chennai, auch Madras genannt. Da geht mir plötzlich ein Licht auf! “Ist das nicht dort, wo das leckere Curry herkommt?” frage ich aufgeregt. Mein herzt pocht vor Freude! Er meint: “Ja, aber in ganz Indien gibt es gutes Curry … .”. Jetzt kann mich nichts mehr halten: Ich will endlich in den Urlaub, ich will nach Indien!

Viele nützliche Tipps gibt mir der nette Mann vom Restaurant noch mit auf den Weg, und wenn ich Lust hätte, könnte ich ja auch einmal bei seiner Tante vorbeischauen! Die Adresse seiner Tante schreibt er mir glücklicherweise gut leserlich auf. Ich solle von Frankfurt aus einen Direktflug nach Madras nehmen, wenn ich Glück hätte, käme ich sogar schon für knapp 600 Euro dorthin! Natürlich seien zweimal 600 Euro auch irgendwie 1200 Euro, aber mit seiner Hilfe würde ich schon eine günstige Unterkunft finden, versichert er mir.

Eine Woche später habe ich die Unterbringung schließlich mit ihm geklärt: Ich bekomme ein Zimmer beim Halbbruder seiner Tante! Zuerst frage ich mich noch, ob das wirklich so gut sei, mir bisher unbekannten Leuten so zur Last zu fallen, doch er besteht darauf: “Du kannst bei meiner Familie übernachten, für nur 10 Euro pro Tag, inklusive Wasser, Strom, Essen und Trinken: Das ist echt All-Inclusive!”. Er lächelt mir so freundlich und beharrlich entgegen, dass ich zu diesem Angebot schon gar nicht mehr “Nein!” sagen kann und will!

Recht bald später bin ich schon in Indien. Gerade steige ich aus dem Flieger aus, da schlägt mir die Hitze jäh voll ins Gesicht: Eben noch war es angenehm kühl im Flugzeug, jetzt weht ein heißer Wind mit um die 40°C um meine Nase! Beinahe klappe ich zusammen, doch ich kann mich im letzten Moment noch hinsetzen und schnell etwas trinken. Ich besinne mich ein Weilchen lang, dann gehe ich weiter. Kaum in der großen Flughafenhalle angekommen, empfängt mich sogleich jemand, aber anfänglich bemerke ich das nicht einmal!

Ich suche verzweifelt nach einem Mann mit grauem Ziegenbart und Glatze, wo bleibt er nur? “Hallo, sind Sie aus Deutschland?” fragt mich eine Stimme aus dem Nichts! Ich erschrecke mich, sehe mich um, doch ich traue meinen Augen nicht, ist das etwa die Hitze, habe ich gar einen Hitzschlag, der tatsächlich so schlimm ist? Da steht nämlich eine bildschöne Frau vor mir und fragt mich mit zarter Stimme, ob ich aus Deutschland käme! Ich bin wohl beduselt, oder?

“Ich suche hier den Bruder der Schwester meines Freundes. Mein Freund wohnt in Deutschland und betreibt dort ein Restaurant!” entgegne ich der schönen Frau. Sie nickt mir zu und erklärt, sie sei die Tochter jenes Bruders! Ihr Vater hätte sich heute nicht gut gefühlt und er ließe sich entschuldigen. Kann das denn stimmen?

Ein paar Wochen später, es müssen wohl schon drei meiner vier Urlaubswochen vergangen sein, beschleicht mich das wundersame Gefühl, ich will überhaupt nicht mehr nach Hause! Die liebe Frau, der ich vor geraumer Zeit das erste Mal begegnet bin, als sie mich vom Flughafen abholte, ist mir mittlerweile so ans Herz gewachsen, dass ich mich frage: Liebe ich sie etwa bereits nach drei Wochen? Außerdem meinte ihr Vater, er könnte mich in seinem Restaurant echt gut gebrauchen, für die Bilanzen, versteht sich … . Das klingt alles sehr verlockend für mich! Soll ich doch das Angebot nun annehmen und in Indien bleiben?

Zwei Tage vor meiner eigentlichen Abreise habe ich mich schließlich dazu entschlossen, vorerst nicht mehr zurückzufliegen nach Deutschland! Meinen Eltern in Deutschland habe ich auch schon Bescheid gegeben, damit sie eine Zeit lang auf meine Wohnung aufpassen, und mein Chef hat mir bereits spontan 6 Monate unbezahlten Urlaub bewilligt, sodass ich hier jetzt genügend Zeit haben werde, herauszufinden, ob ich wirklich endgültig hier bleiben will, oder nicht. Meine Miete daheim wird derweil von meinen Eltern aus meinem Sparkonto bezahlt! Wie wird es hier in Zukunft für mich werden? Werde ich mich in ein paar Monaten hier weiterhin so wohlfühlen wie momentan? – Im Moment sagt mir mein neuer Job jedenfalls sehr zu, und den ganzen Tag über rieche ich überall diesen leckeren Geruch von indischem Essen!

 

Erwin Müller

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