Busurlaub mit Umwegen oder Romeo und Julia

Im Radio spielten sie „Eine Reise ins Glück.“ Ein gutes Omen für die Fahrt mit dem Bus? Das Ostseebad Warnemünde war das Ziel. Ein dreitägiger Kurzurlaub stand bevor. Sämtliche im Internet gegoogelten Wetterdienste hatten für die deutsche Ostseeküste Sonne pur und badefreundliche 27˚ vorhergesagt. Verhaltene Vorfreude bei den Reisenden, als das Gepäck verstaut und die Plätze eingenommen waren. Nur einer tanzte aus der Reihe – der Fahrer, ein Mann Ende zwanzig und anscheinend mit dem falschen Fuß aufgestanden. Keine Begrüßung, keine Ansage, nur eine gleichbleibend grimmige Miene, die allen signalisierte: Nicht ansprechen!

Die Fahrgäste schienen ihm lästig zu sein. Auch gut, er war der Fahrer, kein Alleinunterhalter. Seinem Handy schenkte er dagegen besondere Aufmerksamkeit. Im Sechzig-Sekunden-Takt starrte er aufs Display. Trotz seiner Beschwörungsblicke klingelte es nicht.

Es waren zwei Stunden vergangen, als der Fahrer hinter dem Frankfurter Kreuz das Tempo verlangsamte. Kündigte sich etwa eine Panne an? Nein, der Mann nahm die nächste Ausfahrt. Der Bus hoppelte plötzlich über eine schmale Landstraße mit ganz viel Landschaft. Vielleicht wollte der Fahrer einen Stau umgehen, von dem nur er wusste.
Niemand wagte zu fragen. Nur ein bildungsbeflissener älterer Herr zitierte raunend Kurt Tucholsky: „Umwege erweitern die Ortskenntnis.“
Eine Stunde später stoppte der Bus auf einer Dorfstraße. Der Fahrer sprang hinaus, rannte zum gegenüberliegenden Haus und klingelte. Kurz darauf trat seine Julia vor die Tür. Einem heftigen Wortgefecht, folgte ein langer Versöhnungskuss. Vom Bus aus gesehen war es großes Kino.

Dennis B. aus HH

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